Vor dem Auftakt Streit der Ingenieure in der Formel 1


Vor jeder Saison zieht die Formel 1 ein gehöriges Potenzial ihrer Spannung aus Regeländerungen. Das ist in diesem Jahr nicht anders. Die Spezialisten von Red Bull und die Ferrari-Experten misstrauen dem neuen McLaren. Für den vergrößerten Tank haben die Ingenieure unterschiedliche Lösungen gefunden.

Tankverbot

Die Erfahrungen mit dem Diffusor haben ihre Wirkung hinterlassen. Dass Ross Brawn seine Renner vorige Saison mit einem so schlitzohrig ausgetüftelten Bauteil ausstattete, dass Jenson Button schon in den ersten Rennen seinen Weltmeistertitel sichern konnte, hat die Sensibilität der Konkurrenz nachhaltig erhöht. „Der Diffusor hat uns im vorigen Jahr viel Zeit und Aufmerksamkeit gekostet und womöglich gar den Titel“, klagt Christian Horner, der Teamchef des Weltmeisterschaftszweiten Sebastian Vettel bei Red Bull: „Die Regel wurde eindeutiger formuliert, und man sieht jetzt einige sehr aggressive Interpretationen der Regel. Vor jeder Saison zieht die Formel 1 ein gehöriges Potenzial ihrer Spannung aus Regeländerungen. Weil alle Autos Prototypen sind, müssen sich die Heerscharen hoch bezahlter Ingenieure für jede neue Vorschrift die optimale technische Antwort überlegen. Und von einem Coup wie dem des inzwischen für das Mercedes-Team um Michael Schumacher tüftelnden Briten Brawn im vorigen Jahr träumt jeder Rennstall. „Die Regeländerungen 2010 verändern die Formel 1 aber weitaus geringer als jene vor der vorigen Saison“, sagt Brawn. Dennoch tobt bereits der erste Streit: Der Red-Bull-Mann Horner und die Ferrari-Spezialisten beäugen mit größter Skepsis den MP4-25 von McLaren: Dass dessen Heckflügel einen schmalen Schlitz hat, fürchten die Experten vor allem auf Hochgeschwindigkeitsabschnitten als unzulässigen Wettbewerbsvorteil. Also rückte am Donnerstag der technische Delegierte des Motorsport-Weltverbandes Fia, Charlie Whiting, zur Begutachtung an, obwohl er angeblich vorher schon sein Okay erteilt haben soll, wie McLarens Teamchef Martin Whitmarsh dem „Daily Telegraph“ berichtete: „Der Flügel ist vielleicht etwas anders, er ist innovativ, aber uns wurde versichert, dass er den Regeln entspricht. Bei der Begutachtung der neuen Flitzer fällt jedoch zunächst einmal eine andere Innovation auf: Weil zum Saisonstart am Sonntag in Bahrain nach 16 Jahren wieder das Verbot des Nachtankens eingeführt wird, sind die Autos deutlich länger als zuletzt. Sie müssen nun einem Tank Platz bieten, der zum Rennstart jene mindestens 230 Liter Benzin unterbringt, die für die ganze Distanz gebraucht werden. Allerdings haben die Ingenieure unterschiedliche Lösungen gefunden: Die McLaren oder Ferrari wirken länger als die Mercedes, Renault oder Williams. „Es ist interessant“, staunt der Weltmeister Jenson Button, „dass die Leute unterschiedliche Wagenlängen probieren. Schon in der Vorbereitung waren an den 15 Testtagen daher stetig Spielereien mit der Spritmenge zu beobachten, weil die Teams Erkenntnisse über das Verhalten des Autos sammeln wollten. Mal blieb daher auch immer wieder ein Star auf der Teststrecke stehen, da er den Tank absichtlich leer gefahren hatte. Auch die Rundenzeiten waren nur schwer zu vergleichen. Die Fia hat auch die Regel abgeschafft, nach der bisher das Gewicht der Autos beim Start bekannt gegeben wurde, sodass Schlüsse zur Sprit- und Tankstrategie der Rennställe möglich wurden. Daher lässt sich für die Fans kaum erkennen, welche Motoren besonders benzinsparend arbeiten, sodass die betreffenden Teams weniger Sprit und damit Last an den Start bringen müssen. So gilt etwa das Renault-Aggregat von Vettels Red Bull als sehr sparsam – allerdings im Vorjahr auch als eher unzuverlässig. Dafür lassen sich Rückschlüsse aus der Qualifikation ziehen: Da strategische Tankerwägungen künftig dort keine Rolle mehr spielen, werden alle mit minimaler Benzinmenge an den Start gehen. Das bedeutet: Der beste Fahrer im schnellsten Auto sichert sich die Poleposition. Weil das Nachtanken entfällt, wird es in dieser Saison wesentlich mehr auf größtmögliche Effizienz beim Reifenwechsel ankommen. Die Rennställe werden das ordentlich trainiert haben, sodass mit Spannung erwartet wird, ob sich in Bahrain alle vier Reifen in fünf Sekunden oder gar vier oder drei wechseln lassen. Durch das erheblich höhere Gewicht zum Rennbeginn wirken größere Kräfte auf die Reifen: Statt 60 bis 75 Kilogramm Benzingewicht drücken nun eher 170 Kilogramm von oben auf die Einheitsreifen von Bridgestone. Um eine Haftungsangleichung zwischen Vorder- und Hinterreifen zu erreichen, wurde das Frontpaar zudem um 20 Millimeter schmaler ausgelegt. „Der Schlüssel liegt darin, den Reifen zu verstehen“, sagt Red Bulls’ Horner. Für den Fahrer verkompliziert sich damit die Steuerung des Wagens. Zudem verändert sich das Verhalten des Autos vom Start zum Ziel extrem, da es zum Schluss 170 Kilogramm weniger wiegt. „Natürlich ist es immer schwierig, von den Testergebnissen auf die wahre Performance zu schließen – und das gilt dieses Jahr noch mehr als sonst –, aber der letzte Test in Barcelona hat uns gezeigt, dass wir konkurrenzfähig sein sollten“, sagt Rekordweltmeister Michael Schumacher, „wir wissen, dass wir in Bahrain noch einige neue Teile am Auto haben werden, die uns voranbringen sollten. Die Trickserei setzt sich bis zum ersten Rennen fort, weil niemand sich in die Karten gucken lassen will. Nur so lässt sich erkennen, dass Schumachers Teamfreund Brawn wesentlich zurückhaltender klingt: „Wir hatten ein starkes Testprogramm mit dem MGP W01 vor der Saison“, sagt Brawn, „aber wir haben nicht wirklich das Vorbereitungsniveau erreicht, dass wir vor Bahrain gern hätten. Der Weltverband Fia müht sich derweil, den Wettbewerb um Grand-Prix-Siege und damit die Rasanz der Rennen zu fördern: Bekam der Sieger zuletzt nur zwei Punkte mehr als der Zweite, so erhält der Erstplatzierte künftig für seinen Triumph 25 Punkte, der Zweite 18 Zähler. Größeres Risiko bei Überholmanövern soll sich mehr auszahlen. Und Spektakel liefern.

Quelle: Welt.de

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